/ Thema des Monats
 

Niedlich, schlau, frech:
Alte Schulhefte quergelesen

Am Ende stand eine Note in roter Tinte. Die Zahl, die im Schulheft zählte. Vielleicht dienten unsere Notizen noch der Vorbereitung einer schriftlichen Prüfung. Dann aber landeten die Hefte meist im Karton. Schauen sie mal auf dem Boden nach, vielleicht liegen Sie noch dort. Eine anrührende Begegnung erwartet Sie.

Fragen Sie Ihre Mutter, wo der Karton mit Ihren Schulsachen steht. Wahrscheinlich lagert er noch hinter den Renovierungsutensilien in der letzten Ecke. Schließlich hat sich zehn, zwanzig Jahre niemand für seinen Inhalt interessiert. Jetzt kommen Sie und heben vorsichtig den staubigen Deckel. Was liegt oben? Mathe? Bio? Chemie? Noch bevor Sie das erste Fach identifiziert haben, werden Sie beim Griff nach dem Umschlag das Gefühl in den Fingerspitzen wiedererkennen...raue Pappe oder im Würfelmuster geriffeltes Plastik. Diesen Schutzumschlag hatten Sie mit 11 Jahren das letzte Mal in der Hand. Und diesen Hefter mit 14. Nehmen Sie sich einen Arm voll Schülermühe mit und machen Sie es sich bequem.

Noch bevor Sie ermitteln, dass Sie zur Zeit Ihrer ersten Liebe die Prozentrechnung geübt haben, bemerken Sie, dass das, was früher zählte, nämlich die Noten in Rot, heute höchtens eine Randnotiz darstellt. Sie erinnern sich wohl daran, was das Lehrerurteil für das Kind von damals bedeutete, doch der Blick ankert woanders. Die Schrift - wie ordentlich sie sich um die Hilfslinien wand. Heute hat sie sich freigeschwommen. Die Tinte - es musste genau dieses dunkle Blau sein, nicht das übliche Königsblau. Unterrichtsfremde Tierchen fanden auf Rückseiten Unterschlupf: Pilhuhn, das schlüpfende, ewig erstaunte Küken, Bambi oder Flipper. Lioba zeichnete Pferde in einem Strich. Und in die Hefte aller Freunde. Zeitgeist, Persönlichkeit und Clique hinterließen Spuren in Ihren Kladden.

Und dann ist da natürlich noch der Inhalt des Geschriebenen. Lehrstoff, verdaut und verwandelt durch den eigenen Geist. Für Hirnforscher existieren bekanntlich keine Fehler, nur Alternativen. Das sehen Lehrer bis heute anders. Sie aber erkennen in der Beschreibung Karl Moors (Die Räuber, Schiller, 8. Klasse) als "dubioser Gestalt von kleinem Wuchs und selbstsüchtigem Charakter" auch die Fantasie und nicht nur die mangelnde Lektüre des Schülers, der Sie waren. Ein schönes Fremdwort, dieses "dubios", wie souverän Sie es eingebaut haben. Und da ist sie, die Rührung, der Stolz. Stolz auch auf das sich Durchmogeln, die geschickt gespickten Versatzstücke aus dem Lehrbuch im Aufsatz, die heimlich auf der Toilette ausgetauschten Lösungen in der Mathearbeit. Alternative Informationsbeschaffung und Networking nennt die Berufswelt diese Problemlösungsstrategien ein paar Jahre später.

Sie werden die Hefte zurück in den Winkel des Vergessens legen. Aber zeigen Sie die schönsten Stilblüte, den dramatischsten Aufsatz ihren Kindern. Gerade, wenn Sie sich darin vergaloppiert haben. Natürlich werden sie sich auf ihre Kosten amüsieren, aber auch einen unverstellten Blick auf ihren Vater, ihre Mutter als Kind werfen können. Und das verbindet.

Ein Spaß fürs Klassentreffen wird daraus, wenn Sie alle, die kommen wollen, um eine, höchstens zwei ausgewählte Seiten aus ihren Heften bitten, die denm jeweiligen Autoren als besonders typisch erscheinen. Diese Blätter können, gescannt oder abfotografiert, zu einem virtuellen oder ausgedruckten Klassenheft zusammengestellt werden. Unterhaltsam garniert mit kurzen Kommentaren der Einsender, die von ihren Gedanken beim Lesen und den Geschichten hinter den Texten und Bildern erzählen. Bildern deshalb, weil beklebte Umschlagschoner und Flipperzeichnungen ebenso zugelassen sein sollten, wie der Fütterplan des Schulzoos oder die anschauliche Beschreibung des Urknalls.

Sind Sie auch gespannt was aus Ihren alten Schulfreunden wurde?
Jetzt eintragen und nachforschen
Archiv
Ältere Artikel sortiert nach Monaten
2010
2009